Eine Woche und Gedanken von A bis W


Bloggen_Christiane
19. Juni 2017
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A wie Aufstehen:

5:45 Uhr – ein Murmeltier wird vom Wecker aus dem Schlaf gerissen. Es verflucht den späten Abend gestern und bemitleidet sich. Christiane heißt das Murmeltier, und das bin ich. Noch könntest du mir alles erzählen, es würde einfach durch mich hindurchrauschen. Langsam rolle ich mich aus meiner Höhle und beginne den Tag in Slow Motion. Kaffee und Kräutertee wärmen mich.

B wie Bewegung:

Um kurz nach 7 Uhr bin ich eine müde Gestalt unter vielen auf ihrem Weg durch die Stadt. Die U-Bahn erreiche ich rennend. Bewegung ist immer in meinem hyperaktiven Kopf und nun auch, weil es guttut, in den Beinen. Wunderheiler Sport: Zur Ablenkung, Stärkung des Selbstbewusstseins, zum Auspowern und für ein dickeres Fell, gegen niedrigen Blutdruck, Depressionen, Stress und „Überdrehen“. Hat man sich erstmal überwunden, macht es irre Spaß. Das habe ich – nach Jahrzehnten der Sportmuffelei – 2014 in der Tagesklinik entdeckt: mit Badminton.

U wie U-Bahn und R wie Reizüberflutung:

In den Bahnen einer Großstadt drängen sich die Menschen ständig zu dicht aneinander, ohne sich näherzukommen. Echte Begegnungen sind selten. Berlin kann, vor allem im Winter, eine eiskalte Stadt sein. Obdachlose ruhen sich auf Bänken aus, verkaufen ihre Zeitungen oder bitten um eine Kleinigkeit. Haben wir uns daran gewöhnt, dass Hunderttausende von Menschen in einem reichen Land auf der Straße leben müssen? So große Not macht traurig und ich fühle mich hilflos. Es heißt: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“

Die Lichter der Bahn sind zu grell und die Geräuschkulisse enorm, schwer auszuhalten für jemanden mit Reizfilterschwäche, der nichts ausblenden kann. „Bing, Bing, Bing, Bing, Bing, Bing, Bing“ – aus einem Handy simst es unaufhörlich, ich muss mir einen anderen Platz suchen. An manchen Tagen fühle ich mich schon vor der Arbeit völlig gerädert.

Der U-Bahnhof spuckt eine Menschentraube aus und fünf Meter weiter der Bus. Kaum Platz dazwischen. Die Trauben stürzen aufeinander zu und streben wieder auseinander. Bald ist jeder an seinem Ziel.

E wie „Erster Arbeitsmarkt“:

Das Erste ist nicht automatisch das Beste. Um eine gute „Performance“ zu machen, muss man sich meist Mühe geben. Meine ehemaligen Arbeitgeber auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt – nicht alle, um gerecht zu bleiben – haben sich häufig nicht sehr um ihre Mitarbeiter bemüht – warum auch? Büroleute wie ich, in Massen vorhanden, nehmen aus Verzweiflung (fast) jeden Job an und tun (fast) alles, um ihn zu behalten. Uns braucht man nicht zu umwerben, leicht austauschbar sind wir.

Die Anstrengung lag stets bei mir und die rote Linie meiner Belastbarkeit wurde so lange überschritten, bis es nicht mehr ging. Dann waren es auf Firmenseite unterm Strich zu wenig Anerkennung und Respekt, zu viel unfaire Behandlung und Mobbing, und auf meiner Seite zu wenig Selbstvertrauen und Work-Life-Balance sowie zu viel Über-Anpassung und Flexibilität bis zum Zerreißen.

G wie Gesundheit:

Was trägt zur seelischen Gesundheit bei? Sicherung der Existenz, Freiheit vom Überlebenskampf. Kenntnis und Wertschätzung der eigenen Person mit ihren Fähigkeiten und Schwachpunkten. Familie oder andere Menschen, die einem etwas bedeuten, und Dinge, die man gern macht. Außerdem gute, passende, sinnvolle Arbeit und Chancen entsprechend den Talenten. Integration in die Gesellschaft, Austausch mit anderen und dass man als Außenseiter ebenso von Belang ist. Nicht zuletzt weitest gehende Selbstbestimmtheit und Unterstützung da, wo sie benötigt wird.

W wie Werkstatt und V wie Vorbild:

Menschen sind keine wartungsfreien Maschinen, sie sind nicht perfekt und nur an Arbeit interessiert – das wissen Werkstätten wie die Union Sozialer Einrichtungen (USE) und sie sehen ihre Beschäftigten oft ganzheitlicher als die Unternehmen der freien Wirtschaft. Diese müssen in erster Linie Erfolg nachweisen und sich auf dem Markt gegen ihre Konkurrenz behaupten. Aber zu ihren Aufgaben gehört auch die Fürsorgepflicht gegenüber ihren Angestellten.

Und da können sie sich einiges von Werkstätten für behinderte Menschen abschauen, wenn sie am Wohlergehen, dem Zusammenhalt und der Loyalität ihrer Mitarbeiter interessiert sind: In der USE gibt es Sozialarbeiter, einen Betriebs- sowie Werkstattrat und ein Gleichstellungsteam, in dem ich Mitglied bin, Kantineneinrichtungen, Sport-, Musik- und Kreativkurse, jährliche Feste und vieles mehr – also jede Menge Angebote als Service, zur Weiterentwicklung und Unterstützung.

S wie Schneiderei und M wie Mediengestaltung:

2014 habe ich in der Schneiderei der USE angefangen und dort Grundfertigkeiten im Maschinennähen erworben. Leider lag mir dieses tolle Handwerk nicht besonders, weil „Frau Singer“, meine Industrie-Nähmaschine, mir nicht recht gehorchen wollte und von mir mehr feinmotorische Finessen verlangte, als ich aufzubieten habe.

In der Mediengestaltung arbeite ich seit 2015, und obwohl ich schweren Herzens ein Team von bezaubernden und wunderbaren Schneiderinnen verlassen musste, bin ich doch dankbar für die Möglichkeit zu wechseln. Wir gestalten am Rechner alle erdenklichen Druckerzeugnisse wie Visitenkarten, Flyer, Plakate und so weiter, und unsere Abteilung beinhaltet ebenso Fotografie, Webdesign und Video sowie Filmschnitt.

Das kreative Arbeiten am Rechner passt besser zu mir als das Schneidern. Wir Beschäftigte arbeiten relativ frei, sind in die Teamorganisation eingebunden, können uns in großem Umfang einbringen und jeden Tag fachlich wie persönlich dazulernen. Unsere Arbeitsgruppenleiter vermitteln uns – auf Augenhöhe – Wohlwollen und Vertrauen, trauen uns etwas zu und versuchen, die Beschäftigten nach ihren Interessen und Talenten einzusetzen.

Ein solches Arbeiten habe ich mir immer gewünscht – ich finde es einzigartig. Durch die Zufriedenheit hier bin ich stabiler und selbstsicherer geworden. Ich kann mittlerweile zu meiner Krankheitsdisposition und den damit verbundenen Defiziten stehen, habe meine Neugier zurückgewonnen und fange langsam an, mir vorzustellen, dass ich vielleicht mehr draufhabe, als Büro und Dienstleistung.

K wie Kollegen und P wie Postkarten:

Meine Kollegen in der Mediengestaltung bringen eine Menge mit, haben sich viele Kenntnisse angeeignet und sind nicht selten außerordentlich talentiert. Was für ein Jammer, dass es „draußen“ keinen Platz für sie gibt.

Die meisten sind zudem offen und an einer guten Atmosphäre interessiert, in der sich jeder wohlfühlt. Wir haben Spaß und veräppeln uns gegenseitig: Beim Erzeugen von USE-Namenskärtchen mogeln wir beispielsweise Ulk-Karten hinzu, in denen wir Kollegen fiktive Jobbezeichnungen wie „CSI Koloniestraße“ (wegen der Foto-Dokumentation von Vandalismusschäden) oder „Büromutti“ (wegen übergroßer Fürsorglichkeit) verpassen. Beim Mittagessen schaffen wir es, einen Raum leerzulachen. Man muss es mal miterleben!

Einige von uns schenken einander regelmäßig Postkarten mit Sprüchen wie „Heute betrinke ich mich mit Tee, bis ich 2,5 Kamille hab‘“. Ich liebe und sammle Postkarten. Solche kleinen Dinge erfreuen das Herz und machen das Leben bunt.

C wie Chor:

Einmal in der Woche gehe ich singen. Mein Chor ist inklusiv und ein Geschenk des Unionhilfswerkes (der USE-Mutter) zu dessen 70. Jubiläum. Er ist offen für die Nachbarschaft oder andere Interessierte. Unsere Chorleiter sind aus Chile und Frankreich und wir singen auf Deutsch, Spanisch, Französisch, Englisch und in afrikanischen Sprachen. Musik ist eine der großartigsten Erfindungen der Menschheit und Singen macht wirklich glücklich, es ist jede Mühe wert. Man hört – buchstäblich – auf seinen Körper, geht an seine Grenzen, überwindet Hemmungen und produziert mit anderen zusammen ein „Gesamtkunstwerk“. Es fasziniert mich immer wieder, wenn wir als mehrere einen wunderschönen, einheitlichen, harmonischen Klang erzeugen.

Thank you for the music!

AUTORIN: Christiane Rietz, Mediengestaltung, USE, ist seit 2,5 Jahren dabei



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  • Günni  

    Toll geschrieben Frau Christel von der Post 😉

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